Über die Sammlung Püscher

Wäre sie Mitte der neunziger Jahre in alle Winde zerstreut worden, der Welt wäre eine lückenlose, ein halbes Jahrhundert überspannende Chronographie der alten, der untergegangenen Bundesrepublik verlorengegangen – die Sammlung Püscher.

Die über 80.000 fotografischen Negative, Glasplatten, Planfilme und Abzüge, die Richard und Eberhard Püscher, Vater und Sohn, zwischen 1948 und 1994 zusammentrugen, dokumentieren den Wandel der Bundesrepublik zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung mit der unbestechlichen Schärfe der Fachkamera. Wann immer im niedersächsischen Alfeld Menschen zu Hochzeit, Schützenfest oder Konfirmation zusammenkamen: Ein Püscher war dabei – und schrieb Bildgeschichte. Vater und Sohn brannten die Biographien ihrer Mitmenschen mit ihren Linsen in geduldiges Papier, von der Taufe bis zur Trauerfeier.

Die wissenschaftliche Präzision, mit der es besonders dem besessenen Chronisten Eberhard Püscher gelang, die Moden und Minen seiner Mitbürger, die sich wandelnde soziale Mimikry der Jahrzehnte, in fotografische Zeitscheiben einzufrieren, ist so atemberaubend wie einzigartig. Dass der Nachlass nach Eberhard Püschers Tod – buchstäblich in letzter Sekunde – gerettet und konserviert werden konnte, ist ein kleines Wunder. So können heute auch Interessierte weit über Niedersachsen hinaus unverstellte Einblicke erhalten in die Jahrmärkte der Moden, die Fratzen der Zeitgeister, Einblicke aber auch ins Ich, in das trügerische Spiel der eigenen Erinnerung und Identitätskonstruktion.

2011 hat sich die Sammlung Püscher die Aufgabe gestellt, das einzigartige fotografische Erbe von Richard und Eberhard Püscher nicht nur zu archivieren und zu konservieren, sondern auch in ein lebendiges und offenes Archiv umzugestalten: Durch Veranstaltungen und Publikationen, aber auch über das Internet, trägt die Sammlung Püscher auf diese Weise dazu bei, diesen dokumentarischen Schatz für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich zu halten.